Donnerstag, 3. Februar 2011

Die sieben Todsünden der Frau - Teil 7

Dankbarkeit:
Wer sich ein Bild machen will über den gegenwärtigen Zustand der Welt, kann das bequem vor dem Fernseher tun, zum Beispiel bald wieder bei "Germanys next Topmodel": dort staksen erschöpfte Mädchen in kurzen Röcken und hohen Stöckeln vor die Jury. Diese sagt dann Grausames wie "Du hast ja überhaupt kein Potenzial!" oder "Du wirst nie einen Kunden überzeugen!". Danach weinen die Mädchen, aus Enttäuschung und Fußschmerzen und Hunger, doch bevor sie in die Bedeutungslosigkeit knicksen, sagen sie noch: "Trotzdem danke für alles." Geht's noch, Mädchen? Glaubt ihr etwa, was euch die kranke Medien-Gesellschaft beigebracht hat? Dass ihr gefälligst dankbar zu sein habt dafür, dass ihr "dabei sein" durftet und so "doll viel gelernt" habt über euch und fürs Leben? In Wirklichkeit sagt ihr damit doch: "Vielen Dank, dass ihr mein Selbstwertgefühl mit einem öffentlich ausgestrahlten Arschtritt vernichtet habt, ich freue mich, wenn der Verlust meines Urvertrauens zu euer Superquote beitragen konnte."
Nicht weinen jetzt, ihr seid ja nicht allein, den meisten Frauen geht es auch nicht besser. Frauen sind Meisterinnen im vorauseilenden Bedanken, auch wenn wir eigentlich gar nichts geschenkt bekommen haben. Während Männer ihren Marktwert viel genauer einschätzen können und dementsprechend selbstbewusst Territoriumsansprüche anmelden, stellen wir Frauen uns schon früh darauf ein, die meiste Zeit eher nicht am Esstisch des Lebens zu sitzen, sondern darunter. Und schätzen uns deshalb schon überglücklich, wenn mal ein Bröckchen für uns von der Gabel fällt.
"Danke, dass ich hier arbeiten darf", sagen wir zu unserem Chef, wenn er bei der Frage nach der Gehaltserhöhung wieder nur einen Heiterkeitsanfall bekommt. "Danke, dass du freiwillig und ohne zu murren den Müll runterbringst", sagen wir zu unseren Männern, während wir ihre Altersvorsorge erziehen. "Danke, dass ihr so viele schöne fettarme Produkte erfindet" sagen wir zu Lebensmittel-Industrie, während wir uns in realitätsferne Hosengrößen zwängen. 
Moment mal! Dankbarkeit sollte uns doch eigentlich dabei helfen, unser inneres Wertesystem auszubalancieren, und uns daran erinnern, dass das Dasein nicht völlig zum Davonlaufen ist. Sie ist allerdings völlig fehl am Platz, wenn sie gefordert und als Druckmittel eingesetzt wird, um zu vertuschen, dass uns mehr zusteht von dem Kuchen, den wir Tag für Tag mitbacken. Und zwar ein Stück mit Marzipandecke, und nicht nur die pappigen Reste vom Tortenboden.
Also, Frauen: Besinnt euch auf die Dinge, für die ihr wirklich dankbar sein sollte, für lesende Kinder, selbstgezogene Tomaten und unerwartete Altweibersommertage, für freundliche Fremde, pünktliche Busse und fetthaltige Desserts, für unverhofftes Glück, ja und von mir aus auch für all die Kitschpostkarten-Schlagworte wie "Gesundheit" und "Freundschaft" und natürlich für die Musik.
Und anschließend besinnt ihr euch dann endlich darauf, was ihr wert seid und was auch alles selbstverständlich zusteht im Leben. Und dann möchte ich, dass ihr euch vor euren Chef stellt, vor euren Mann, vor die Kühltheke, vors Regierungsviertel, und dass ihr einmal aus vollem Herzen "Danke" sagt: "Danke für gar nichts!"

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Ich freue mich über jeden Kommentar. Bitte beachtet jedoch die Regeln für ein freundliches und kommunikatives Miteinander. Vielen Dank!