Mittwoch, 2. Februar 2011

Die sieben Todsünden der Frau - Teil 6

Flexibilität:
Flexibel kommt von "flectere", das ist Latein und bedeutet biegen oder beugen. Mir fällt dazu meine Barbie mit biegsamen Gliedmaßen ein. Die Hände, Füße, Unterarme, Unterschenkel, Oberarme und Oberschenkel der Gummi-Barbie ließen sich ohne Anspruch auf anatomische Authentizität in alle Richtungen verdrehen, und genauso komme ich mir manchmal vor, wenn die Woche (oder auch nur ein einzelner besonders heimtückischer Tag) ihre Anforderungen stellen: ich biege und neige und drehe und schraube mich in die wahnwitzigsten Positionen.
In meinem Leben gibt es einen Job/Studium und Freunde und alte Freunde in anderen Städten und Familie und Freizeit und einen Haushalt und Pflanzen und Arzttermine und den TÜV und abgelaufene Ausweise und abgelaufene Absätze. Sämtliche Punkte auf dieser Liste erfordern eine gewisse Flexibilität. Im Job/Studium wird ein Termin plötzlich auf 15Uhr verlegt, obwohl dort ein wichtiger Arzttermin ist. Um 13Uhr ruft die Dame vom vielleicht zukünftigen Nebenjob an und fragt nach einem Termin - nein, alles nicht möglich: Prüfungsphase. Je unbeweglicher unser Alltag uns macht, desto mehr Flexibilität wird von uns erwartet. Und wir sind so bescheuert und machen mit. Damit wir es den anderen nicht allzu schwer machen mit unserem Leben, wir wollen niemandem zur Last fallen mit unserem Tanz auf so vielen Hochzeiten. Warum wir unser Leben so vollstopfen, fragen die Männer oft ganz unverständlich mit einem Kopfschütteln, die sich neben ihrer Arbeit bestenfalls noch um die Winterreifen und das Aufhängen des neuen TV kümmern müssen.
Wir wollen ständig jedem beweisen, dass wir sämtliche Bereiche im Griff haben. Dass wir auch mit einer Teilzeitstelle den Einsatz einer Vollzeitkraft bringen, dass wir mit unseren Freundinnen wie früher bis morgens um die Häuser ziehen können und dass wir selbstverständlich auch gern kurzfristig zum Kaffeetrinken kommen. Und warum das alles? Damit keiner hinterher sagen kann: war ja eh klar, dass die sich übernommen hat.
Flexibel zu sein heißt, allzeit auf jede neue Situation in jedem Lebensbereich schnell und unkompliziert zu reagieren. Nur dass neue Situationen selten durch Naturkatastrophen oder echte Schicksalsschläge geschaffen werden. Meisten hat es sich bloß irgendwer in unserer Nähe gerade mal wieder anders überlegt und ist zu faul, auch nur einen weiteren Gedanken daran zu verschwenden, was das für uns bedeutet.
Darum hier der Gegenvorschlag: probiert mal den Reiz eines Wesenszuges, der gern kurzsichtig den Senioren im Land zugeschrieben wird - die Freuden des Starrsinns. Das Vergnügen, tatsächlich auf einmal getroffene Absprachen zu beharren und keinesfalls irgendetwas kurzfristig am Handy umzuplanen.
Der Satz "Das passt mir überhaupt nicht in den Kram, und deshalb mache ich das auch nicht" ist möglich. Gut, man kann ihn möglicherweise ein bisschen geschmeidiger formulieren, wenn man ihn ausspricht, aber für den Anfang hilft es schon, ihn nur zu denken. Denn wer es wagt, ein wenig Widerstand zu leisten, erlebt auf einmal Flexibilität in ihrer allerschönsten Form: bei den anderen.

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